Zwischen 1600 und 1868 – im Tokugawa Zeitalter – waren die japanischen Städte durch das Klassenmodell mit Samurai, Bauern, Handwerkern und Kaufmännern – sowie Personengruppen die außerhalb dieser Klassen waren, wie z.B. Mönche (vgl. Sorensen, 2006, S.13) – sowie das Bevölkerungswachstum von 18 Millionen auf rund 30 Millionen Einwohner bis zum Ende des 17. Jahrhunderts beeinflusst. (vgl. Rozman, 1973, S.77) Die urbane Entwicklung war durch die drei Metropolen (santo) Edo/später Tokyo, die größte Stadt Japans, Osaka, welches das wirtschaftliche Zentrum war sowie die Hauptstadt Kyoto, als kulturelles sowie handwerkliches Industriezentrum, geprägt. Neben diesen drei Metropolen gab es noch rund 200 Burgstädte (Jōkamachi), sowie kleinere Poststädte (shukubamachi), Hafenstädte (minato),Marktstädte (ichibamachi) sowie religiöse Zentren (monzenmachi).(vgl. Sorensen, 2006, S. 12 f)

Die “ersten” Ansätze von Stadtplanung, wie man sie heute kennt, gab es im Meji Zeitalter (1868-1912) als ein Übergang vom Feudalsystem zu einem modernen, westlich geprägtem, politischen System erfolgte. (vgl. Sorensen, 2006, S.45-51)Hierbei war die Anpassung der Stadtregionen an die veränderten Anforderungen und Herausforderungen, aufgrund der Modernisierung und Industrialisierung der Städte sowie die Integration von westlichen Technologien und Organisationsformen, das Hauptproblem der Stadtplanung. (vgl. Sorensen, 2006, S.63) Der Fokus der vereinzelten Planungsprojekte im Bereich der Stadtplanung lag auf Tokyo. (vgl. Sorensen, 2006, S.85)

Im frühen 20. Jahrhundert (Taishō Zeitalter) stand die Industrialisierung im Konflikt mit dem Stadtwachstum.

Tokyo 1920
Hohn_2000_s46_tokyo_20er

Quelle: Hohn, 2000, S.46

 

1919 wurden die ersten Stadtplanungs- und Baugesetze erarbeitet. Diese legten bis 1968 das Planungsrahmenwerk fest. Vorrangiges Ziel der neuen Planungsfestlegungen war ein kontrolliertes Wachstum der Städte und des Stadtumlands. (vgl. Sorensen, 2006, S.85-92) In diesem Planungsrahmenwerk wurden einerseits Bodennutzungen, Zonen für Öffentliche Einrichtungen sowie Baugesetze und eine Bauordnung, andererseits auch Bebauungsgrenzen sowie ein Bodenumlegungsgesetz für die Grundstücksneuordnung bei Bebauungsprojekten festgelegt. (vgl. Sorensen, 2006, S.115-123 und Hohn, 2000, S.221)

Flächennutzungszonierung Tokyo 1925
Hohn_2000_s51_flächennutzungszonierung_1925

Quelle: Hohn, 2000, S.51

 

Nach 1945 war die Stadtentwicklung Japans durch den Wiederaufbau nach den Zerstörungen durch den zweiten Weltkrieg geprägt. Einerseits musste die wirtschaftliche Stabilität wieder hergestellt werden, andererseits musst der Bedarf an Wohnungen und Nahrung gedeckt werden. Hierbei war die Versorgung im ländlichen Bereich deutlich besser als in den Städten. (vgl. Sorensen, 2006, S.151ff)

Ishikawa Wiederaufbauplan Tokyo
sorensen_2006_s_163

Quelle: Sorensen, 2006, S.163

 

Die Wirtschaft erreichte 1956 erstmals wieder das Vorkriegsniveau und große öffentliche Investitionsprojekte, wie Straßen- und Eisenbahnbau, Hafenausbau, Landgewinnung u.ä. wurden aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs umgesetzt. Eine angedachte Planungsreform in der Nachkriegszeit kam jedoch nicht zustande. Die 50er waren einerseits durch “überfüllte” Städte (Tokyo, Osaka und Nagoya) mit einer Siedlungsexpansion sowie einfachen Holzhäusern mit billigen Wohnungen in den Stadtzentren geprägt, andererseits gab es auch (ländliche) Abwanderungsregionen. (vgl. Hohn, 2000, S. 72f).

Entwicklung Tokyo 1958
sorensen_2006_s_189_regional_developmentplan_1958
Quelle: Sorensen, 2006, S.189
 
Durch das Bevölkerungswachstum in den Städten gab es in Tokyo “interessante” Planungsansätze, wie den Neo-Tokyo-Plan von 1959, welcher eine Aufschüttung der Bucht und die Schaffung eines neuen Zentrums beinhaltete.

Neo-Tokyo-Plan 1959
sorensen_2006_s_190_new_tokyo_plan_1959
Quelle: Sorensen, 2006, S.190

 

Ab Mitte der 60er begann eine ungeordnete, zersiedelnde Expansion der Städte ins Umland (vgl. Hohn, 2000, S.82).

Verstädterung Tokyo 1872-1960

Hohn_2000_s48_expansion_1872-1960

Quelle: Hohn, 2000, S.48

 

Ende der 60er wurde das Stadtplanungsgesetz (shin-toshikeikaku-hô)reformiert (1968) und 1969 ein Stadterneuerungsgesetz (shin-saikaihatsu-hô) erlassen sowie 1970 das Baunormengesetz (kenchiku-kijun-hô) reformiert. Dies hatte zur Folge, dass die Flächennutzungsplanung strenger reglementiert wurde und es 8 statt bisher 4 Kategorien der Flächennutzungszonen gab. Ende der 70er gab es außerdem massive Bürgerproteste und Bürgerbewegungen aufgrund der Verschlechterung von Lebens- und Umweltbedingungen. (vgl. Hohn, 2000, S.82) In den 1970er Jahren bildete sich eine höhere Kontroll- und Regelungsdichte im Planungsrecht welche 1980 die Einführung des Distriktplans (chiku-keikaku) zur Folge hatte. Ziel dieses Plans ist es Verstädterungsprozesse in kontrollierte Bahnen zu lenken. Generell bedeutete es eine weitere Ausweitung von Flächennutzungszonen, die Vergabe von Entwicklungslizenzen für Städtebauliche Projekte und die Verlagerung der Entscheidungsbefugnisse von nationaler Ebene auf präfekturale und zum Teil auch kommunale Ebene. Des weiteren wurde Bürgerbeteiligung in die Erstellung des Distriktplans verankert. (vgl. Hohn, 2000, S.82f)

Diese Distriktplanung wird von den Gemeinden erstellt und soll für verschärfte städtebauliche Kontrolle auf der Mikroebene dienen und geht über allgemeine Bestimmungen in den Gesetzen der Flächennutzungsplanung hinaus. Ursprünglich diente die Distriktplanung der Entwicklung an Hauptverkehrsachsen und geordneter Siedlungsentwicklung im ländlichen Raum. (vgl. Hohn, 2000, S. 173ff)

 

Distriktplan Sumida-ku, Tokyo
Hohn_2000_s179_distriktplan
Quelle: Hohn, 2000, S.179

 

Nach den streng regulierten 70ern erfolgte in den 1980ern eine Deregulierungspolitik im Stadtplanungsbereich, d.h. einerseits großmaßstäblicher Verkauf von öffentlichen Flächen, Stadtentwicklung durch private Bauprojekte und Public Private Partnerships (PPPs) sowie eine Milderung der Planungs- und Bauvorschriften für den Privatsektor. Ähnlich wie in der Vergangenheit liegt jedoch der Fokus bei der Gesetzgebung bei den städtebaulichen Problemen Tokyos, was zur Folge hat, dass Gesetze welche für Tokyo zurecht gelegt wurden auch für andere japanische Städte gültig sind. Ein weiteres Problem der 80er Jahre sind die sich häufenden Fälle von Korruption, welche sich z.B. mit Bestechungsgeldern bei der Vergabe öffentlicher Aufträge bemerkbar machen. (vgl. Hohn, 2000, S.89-93)

Die Deregulierungspolitik der 80er Jahre gipfelte in der sogenannten Bubble economy, welche sich mit einem hohen Yen – d.h. Japan wird vom Exporteur zum Investor –, steigenden Börsenkursen und Grundstückspreisen und einem hohen Wirtschaftswachstum bemerkbar macht. Dieses Wirtschaftswachstum hat visionäre Umstrukturierungspläne für Tokyo und andere Städte zur Folge, welche auf weiterhin steigenden Grundstückspreisen basieren und hohe Dichten aufweisen. (vgl. Sorensen, 2006, S.284ff)

1990 platzt diese Blase jedoch mit dem Zusammenbruch der Börsenkurse, das Finanzsystem kollabiert beinahe und die Grundstückspreise sinken stark. (vgl. Sorensen, 2006, S.286f)

Veränderung der Grundstückspreise in Japan

Hohn_2000_s107_veränderung_bodenpreise_1983-1999
Quelle: Hohn, 2000, S. 107

 

Das japanische Finanzsystem kollabiert beinahe und aufgrund des kaum vorhandenen Wirtschaftswachstums werden die 90er in Japan als “verlorenes Jahrzehnt” angesehen. Im Bereich der Stadtplanung werden strengere Gesetze und Kontrollen notwendig um Spekulationen und steigende Bodenpreise einzudämmen. (vgl. Sorensen, 2006, S.286f)

Diese “neuen” Planungsinstrumente bedeuten einerseits eine Planungsgesetzänderung, mit neuerdings 12 Nutzungskategorien sowie regionale und kommunale Masterpläne. (vgl. Hohn, 2000, S.108) Außerdem wurde die, in den 1970ern entstandenen, Machizukuri Projekte populär. Darunter ist die japanische Variante von Bürger-mitbestimmter Bottom-up-Planung zu verstehen, welche einerseits im Erhalt historischer Bausubstanz, als auch bei Erneuerungsprojekten, Ortsbildverschönerung, Gestaltungsplanung von Neubausiedlungen als auch generell im Streben nach höherer Lebensqualität bemerkbar macht. (vgl. Hohn, 2000, S.100)

Erhaltungsgebiete historischer Bausubstanz Kyoto

Hohn_2000_s153_erhaltungsgebiete_kyoto
Quelle: Hohn, 2000, S.153

 

Im Bereich der Flächennutzungsplanung gibt es nun zwei verschiedene Arten von Masterplänen sowie den eigentlichen Flächennutzungsplan. Einerseits den auf präfekturaler Ebene für Stadtplanungsgebiete nach dem Senbiki-System, welches in Verstädterungsförder- und Verstädterungskontrollgebiete unterscheidet und einen behördenbindenden Entwicklungsplan darstellt. Sowie den kommunalen Masterplan, welcher 1992 eingeführt wurde und auf kommunaler Ebene für das Gemeindegebiet, unter Berücksichtigung des präfekturalen Masterplan, erstellt wird und von Beginn an Bürgerbeteiligung vorsieht. (vgl. Hohn, 2000, S.115ff) Der bereits erwähnte Flächennutzungsplan legt konkrete Landnutzungs- und Baubestimmungen für die Flächen des Senbiki-Systems fest und ist rechtsverbindlich für den einzelnen Bürger. Hierbei werden jedoch auch Geschossflächenzahlen für Straßen und Parks oder andere freizuhaltenden Flächen festgelegt, da diese Nutzungen erst in einem zweiten Schritt geregelt wird. (vgl. Hohn, 2000, S.130ff)

Entwicklungsleitbild Kyôjima
Hohn_2000_s129_entwicklungsleitbild_kyojima
Quelle: Hohn, 2000, S.129

 

Dieses Entwicklungsleitbild basiert auf dem Masterplan für Kyôjima von 1998.

Flächennutzungsplan Himeji

Hohn_2000_s132_flächennutzungsplan
Quelle: Hohn, 2000, S.132

 

Generell ist die Stadtentwicklung in Japan und vor allem in Tokyo geprägt von Suburbanisierung, Zersiedelung und Bevölkerungsverlusten im Zentrum, die Zerstörung durch Naturkatastrophen und durch Aufwertungsprojekte im Bereich der Wohn- und Wohnumfeldverbesserungen (z.B. Mietsubventionen, Abriss von zu dicht bebauten Holzsiedlungen, Fördermittel für Parks, …) und Stadterneuerungsprojekte auf Brachflächen (z.B. Yebisu Garden Place auf einem ehemaligen Brauereigelände). (vgl. Hohn, 2000, S.322) Als Kritikpunkte an japanischer Stadtplanung im Vergleich zu Österreich oder Deutschland, sei zu erwähnen, dass diese sehr unübersichtlich, stark wachstumsorientiert, zu liberal und nachgiebig gegenüber Investoren ist und von den Problemen Tokyos dominiert ist. Weiters gibt es sehr zentralistische und autoritäre Planungsverfahren. Positiv zu erwähnen sind die zahlreichen Möglichkeiten im Bereich der Bürgerbeteiligung, welche sich vorallem bei Machizukuri-Projekten entwickelt hat. (vgl. Hohn, 2000, S.524-527)

 

Literaturverzeichnis:

HOHN U. (2000), Stadtplanung in Japan, Dortmunder Vertrieb für Bau- und Planungsliteratur, Dortmund.

ROZMAN G. (1973), Urban Networks in Ch‘ing China and Tokugawa Japan, Princeton University Press, Princeton.

SORENSEN A. (2006), The making of urban Japan, Routledge, London.